Hintergrund

Zitat

Diejenigen, die unsere Gesellschaften mithilfe des Bruttoinlandsprodukts lenken wollen, sind wie Piloten ohne einen verlässlichen Kompass.
Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen, 2010

Lebensqualität messbar machen

Joseph Stiglitz und Amartya Sen sind der Ansicht, dass das Bruttoinlandsprodukt zwar einen wichtigen Gradmesser für die Produktivität einer Volkswirtschaft darstellt. Denn das BIP informiert uns über den Wert aller Güter und Dienstleistungen, den ein Land erwirtschaftet. Für sich allein genommen vermag es die tatsächlichen Lebensverhältnisse in einem Land aber nicht vollständig abzubilden. Als verlässlicher Indikator für Lebensqualität, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt reicht es daher nicht mehr aus. Was genau bedeutet es also, gut zu leben?

Politische Diskussion

Ein breiteres Verständnis von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität hat sich in den letzten Jahrzehnten konkreter herausgebildet. So veröffentlichte der Club of Rome im Jahr 1972 den Bericht "Die Grenzen des Wachstums", wodurch auf der ganzen Welt verstärkt Fragen der ökologischen Tragbarkeit und des effektiven Ressourceneinsatzes thematisiert wurden.

Seitdem nimmt die politische und wissenschaftliche Diskussion über die Neuvermessung von Wohlstand und Lebensqualität stetig zu – in Deutschland und international. Die Vereinten Nationen nehmen mit ihrem regelmäßig veröffentlichten Human Development Index das Thema Lebensqualität ebenso in den Blick wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diese ermöglicht mit dem Better-Life-Index den Vergleich von gesellschaftlichem Wohlergehen in mehr als 30 Ländern.

Internationale Ansätze

In zahlreichen Staaten wurden Kommissionen einberufen, um ein neues Modell zur Wohlstandsmessung zu entwickeln. 2010 beauftragten Bundeskanzlerin Merkel und der ehemalige französische Staatspräsident Sarkozy den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sowie den Conseil d´Analyse Économique damit, auf der Grundlage der Arbeiten der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission Empfehlungen zur Messung von Wohlstand zu erarbeiten. In der vergangenen Wahlperiode beschäftigten sich zudem 17 Abgeordnete und 17 Wissenschaftler in der eigens eingerichteten Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages 'Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" mit der Suche nach geeigneten Messverfahren. Dabei stützen sie sich unter anderem auf Daten des Statistischen Bundesamtes. Entsprechende Ansätze gibt es beispielsweise auch in Großbritannien, Australien und Italien. Im Schlussbericht haben sich alle fünf damals im Deutschen Bundestag vertretenen Fraktionen auf die so genannten "W3 Indikatoren" als ein mögliches Rechenmodell verständigt. Dieses sieht vor, neben dem "materiellen Wohlstand" die Dimensionen "Soziales und Teilhabe" sowie "Ökologie" zu berücksichtigen.

Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin

Auch der Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin im Jahr 2012 hat das Thema Lebensqualität aufgegriffen. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis sowie zahlreiche Bürgerinnen und Bürger diskutierten mit. In einem ausführlichen Ergebnisbericht finden sich konkrete Handlungsempfehlungen, darunter auch der Vorschlag zu einem Bürgerdialog zur Lebensqualität in Deutschland.

Auf diese Arbeiten baut die Bundesregierung mit der Regierungsstrategie "Gut leben in Deutschland – was uns wichtig ist" auf. Auf Basis der Erkenntnisse aus den Bürgerdialogen hat die Bundesregierung einen Bericht zur Lebensqualität in Deutschland erarbeitet.

Aus den gewonnenen Erkenntnissen aus dem Bürgerdialog und aus der Forschung zur Lebensqualität wurde auch ein Indikatoren-System entwickelt. Es informiert über den Stand und die Entwicklung der Lebensqualität in Deutschland. An diesen Indikatoren will sich die Bundesregierung künftig orientieren. Denn die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger soll Maßstab für eine erfolgreiche Politik in Deutschland werden.